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Küsse vom Chef? Nein, danke!

Es gibt aktuell nur ein Thema in den Nachrichten: Fußballspielerin Jennifer Hermoso wird von Präsidenten des spanischen Fußballbundes Luis Rubiales vor den Augen der Öffentlichkeit auf den Mund geküsst. Ein Akt aus Euphorie, sagen die einen, ein sexueller Übergriff, sagen die anderen. 

Das Wichtigste in Kürze

✅ Jennifer Hermoso erhält bei der Siegerehrung der Fußball-WM in Sydney einen Kuss von Luis Rubiales
✅ Nun stellt Hermoso klar, dass sie diesem Kuss nicht zugestimmt hat und erstattet sogar Anzeige gegen ihren Chef
✅ Rubiales lehnt einen Rücktritt ab, wird aber von der FIFA suspendiert
Öffentliche Debatte bewegt sich zwischen “Übertreibung” und „inakzeptablem Verhalten”
✅ “Nur Ja ist Ja” – Erfahre mehr zur Rechtslage in Spanien

Plötzlicher Kuss bei der Siegerehrung 

Am 20. August 2023 haben die Spielerinnen der spanischen Fußballnationalmannschaft das Finale der Fußball-Weltmeisterschaft gewonnen. Bei der Ehrung gingen die Spielerinnen nacheinander auf eine Bühne, auf der ihnen einzeln von Funktionär:innen der FIFA, aber auch der spanischen Königin sowie Funktionär:innen des spanischen Fußballbundes (RFEF) gratuliert wurde. 

Dabei kam es zu dem mittlerweile viral gegangenen Szenario: Die Fußballerin Jennifer Hermoso und der Präsident des spanischen Fußballbundes Luis Rubiales umarmen sich. Einen Moment später hält er ihren Kopf mit beiden Händen fest und küsst sie zunächst auf die Wange und dann auf den Mund. Diese Situation wird von diversen Kameras gefilmt. 

Bereits im Vorfeld hatte Rubiales sich auf der Zuschauertribüne offensichtlich in den Schritt gefasst, als er den Sieg der Nationalmannschaft bejubelte. 

Das passierte nach der Siegerehrung

Im Anschluss an die Siegerehrung hatte Rubiales sich in einem Video entschuldigt. Dabei gab er an, dass der Kuss einvernehmlich gewesen sei. Fünf Tage später äußerte Jennifer Hermoso zusammen mit der Gewerkschaft Futpro auf Instagram und Twitter zu den Vorwürfen.

Sie sei nicht mit dem Kuss einverstanden gewesen und habe sich als Opfer einer impulsiven, sexistischen und unangebrachten Handlung gefühlt. Zudem spielte sie auf eine Serie von unangebrachtem Verhalten in der spanischen Frauenliga an.

RFER stellt sich auf Rubiales’ Seite

In Reaktion auf das Statement und die gemachten Vorwürfe kritisierte der Verband RFER die Spielerin und die Gewerkschaft scharf. Er kündigte rechtliche Schritte an, um die Ehre des Präsidenten zu erhalten. Gleichzeitig veröffentlichte er Bilder, die die Einvernehmlichkeit beweisen sollten.

Auf einer am selben Tag stattfindenden außerordentlichen Mitgliederversammlung hielt Rubiales eine Rede, in der er die Vorwürfe zurückwies und klarstellte, dass er nicht zurücktreten werde. Unter dem Applaus der anderen Funktionär:innen gab er an, es handle sich bei den Vorwürfen nicht um Gerechtigkeit, sondern um eine soziale Hinrichtung.

Als Reaktion auf die Rede kündigten die Spielerinnen der Nationalmannschaft einen Streik an. Sie würden nicht mehr für die Nationalmannschaft auftreten, wenn nicht Veränderungen in der Führungsriege eintreten würden. 

Suspendierungen

Zwischenzeitlich reagierte auch der weltweit größte Fußballverband FIFA und suspendierte Rubiales für 90 Tage. Am 28. August 2023 änderte die RFER ihre Einschätzung und bat Rubiales zum Rücktritt, was dieser weiterhin verweigerte.

Am 1. September 2023 eröffnete das oberste spanische Sportgericht (TAD) ein Verfahren gegen Rubiales wegen schweren Fehlverhaltens. Die TAD steht in Verbindung zur CSD, der spanischen Sportbehörde, diese Rubiales suspendieren wollte. Mit der Klassifizierung als “schweres Fehlverhalten” kann Rubiales allerdings nicht suspendiert werden. Dafür hätte ein Verfahren wegen “sehr schweren Fehlverhaltens” eröffnet werden müssen. 

Nachdem etwas Ruhe eingekehrt war, verkündete die RFER am 6. September die Kündigung vom Trainer der Frauen Nationalmannschaft Jorge Vilda. Er gilt als enger Vertrauter von Rubiales. Am selben Tag erstattete Jennifer Hermoso Anzeige gegen Rubiales. 

Gegensätzliche Meinungen

Der Vorfall und die Reaktionen sind nicht nur in Spanien diskutiert worden. Auf der ganzen Welt nehmen Menschen Anteil an der Situation und es kommt zu diversen Diskussionen über Euphorie und Einvernehmen. 

Wo es viel Zuspruch für Jennifer Hermoso gab, wurden ebenso viele Stimmen laut, die die Situation als übertrieben ansehen. Geäußert hat sich auch der deutsche Fußball Funktionär Karl-Heinz Rummenigge. Er ist der Meinung, man solle die Kirche im Dorf lassen. 

Anders sieht das die frühere Geschäftsführerin der DFL, Donata Hopfen. Sie sagt: “Wenn das nicht von beiden Seiten gewollt ist, dann ist das ein ganz schwieriges Verhalten. Es kann übergriffig sein und so wirkt es tatsächlich auch“.

Feminismus in Spanien

Der Kuss trifft Spanien in einer unruhigen Zeit. Lange kämpfte das Land mit dem sog. Machismo, einer sehr konservativen Einstellung zum Verhältnis von Männern und Frauen. So können Frauen z. B. erst seit den 70er Jahren eigene Konten eröffnen. In Deutschland war das “schon” ein Jahrzehnt früher möglich. 

In den letzten Jahren hat sich Spanien allerdings zum Vorreiter in Sachen Frauenrechte entwickelt. So hat die Regierung unter Ministerpräsident Pedro Sanchez viele Gesetze eingeführt, die Frauen vor Diskriminierung schützen sollen und ihnen ebenso eine gleichberechtigte Teilhabe ermöglichen. 

Während diese Entwicklung aus seinem politischen Lager gefeiert wird, gibt es immer mehr Menschen, die sich eine konservativere Regierung wünschen. Das politische Spanien ist derzeit gespalten. Im Lichte dieser politischen Lage erklärt sich auch die Aufmerksamkeit um das Thema. 

Die rechtliche Situation

Neben den disziplinarischen Maßnahmen, die durch die FIFA und den spanischen Sportgerichtshof erlassen werden, hat Jennifer Hermoso auch eine Strafanzeige gegen Rubiales gestellt.

Diesbezüglich ist die rechtliche Lage in Spanien recht deutlich. Durch die “Nur Ja ist Ja”- Rechtslage liegt ein Übergriff vor, wenn die betreffende Person nicht “Ja” gesagt hat. In diesem Fall hat Jennifer Hermoso nach eigenen Aussagen dem Kuss nicht zugestimmt. Rubiales könnten bei einer Verurteilung bis zu 5 Jahre Haft drohen.

In Deutschland könnte die Situation anders zu bewerten sein. § 177 Abs. 1 StGB normiert den sexuellen Übergriff. Verlangt wird dabei aber die Handlung gegen den erkennbaren Willen der anderen Person. Ein rein mentaler Vorbehalt reicht also nicht. Allerdings gibt es verschiedene Tatvarianten, in Betracht könnte hier z. B. das Ausnutzen eines Überraschungsmomentes kommen. 

Luis Rubiales offiziell angeklagt

Update Januar 2024

Nachdem die Spielerin vor dem vor dem spanischen Staatsgerichtshof in Madrid ausgesagt hatte, wurde Rubiales für dieses Verhalten angeklagt. Der zuständige Richter gab an, dass der Kuss auf den Mund zwischen zwei Erwachsenen in den Bereich der Intimität gehöre. Ein solcher Kuss sei sexuellen Beziehungen vorbehalten. 

Rubiales und drei weiteren Fußball-Funktionären wird zudem eine Nötigung vorgeworfen. Sie sollen die Spielerin Jennifer Hermoso nach dem Vorfall dazu gebracht haben, in einem Video auszusagen, dass der Kuss in ihrem Einverständnis war. Dem war allerdings nicht so.

Rubiales wurde zunächst angeklagt. Es ist also noch nichts entschieden. Im weiteren Verlauf wird es eine Verhandlung geben, deren Ausgang abzuwarten bleibt. Im Falle einer Verurteilung könnte dem Fußballtrainer eine Geldstrafe oder eine mehrjährige Haftstrafe drohen. Der Spielerin Hermoso darf er sich schon jetzt aufgrund einer einstweiligen Verfügung nicht näher als 200 Meter nähern. 

In einem anderen Verfahren hat Rubiales allerdings bereits einen Rückschlag erfahren. Er war aufgrund des Vorfalls von der FIFA für 3 Jahre gesperrt worden. Gegen diese Entscheidung hatte er Einspruch eingelegt, den die Berufungskommission der FIFA abgelehnt hatte. Auch in diesem Verfahren kann Rubiales noch Berufung einlegen. 

Fazit

Der Vorfall zeigt eindrücklich, wie patriarchale Strukturen auch bei offensichtlich körperlichen Übergriffen zur Geltung kommen. Selbst wenn dutzende Kameras einen Übergriff filmen, wird dem Opfer doch nicht geglaubt. 

Gerade in Momenten, in denen Menschen enthemmt sind, zeigen sich tief verankerte Glaubenssätze. Dass Luis Rubiales sich immer noch im Recht sieht, ist ein Indikator für die Größe des Problems.

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